Glossar
9.  Glossar – Erklärung von Fachausdrücken

* Differenzierte Beschulung und Benotung: Es ist sehr wichtig,
dass das Kind vom regulären Mathematikunterricht befreit wird. Denn
dann steht das Kind nicht mehr unter Leistungsdruck und seine Ängste
lassen nach. Auch sollten dem Kind nur solche Aufgaben gestellt werden,
die es von seinem jeweils aktuellen Leistungsstand auch bewältigen kann.
Ideal ist es, wenn es während des Unterrichts Arbeitsblätter aus der Therapie
bearbeiten darf und die Lehrerin auch Tests und Klassenarbeiten  seinen
aktuellen rechnerischen Fähigkeiten anpasst. Dadurch kann das Kind dann
auch benotet werden und bekommt die Chance, gute Noten zu schreiben.
Auf dem Zeugnis steht bei der Mathe-Note dann ein Sternchen, was 
bedeutet, dass die Note dem Niveau der 2. oder 3. Klasse entspricht. 

Diese differenzierte Beschulung ist die wirksamste Fördermaßnahme,
die ein rechenschwaches Kind in Therapie wirklich unterstützt.
Leider ist das Durchsetzen dieser Maßnahme bei jedem Kind jedesmal
ein Kampf zwischen Schule und Therapeut, dabei aber so wichtig!

Freiraum: Da der reguläre Mathematikunterricht in der Regel einem
rechenschwachen Kind keine neuen Erkenntnisse bringt (Ausnahme:
Geometrie), sondern es eher in seinem Gefühl des ständigen Versagens
noch bestärkt, sollte es andere Aufgaben im Unterricht bekommen.
Oft ist sogar ein regelrechtes „Abkoppeln des Kindes vom Mathe-Unterricht“
das wirksamste Mittel, damit ein Kind Fortschritte im Rechnen machen kann.

Natürlich stößt dieses Vorgehen meist auf große Befürchtungen seitens
der Lehrer, aber auch der Eltern, weil sie sich nicht vorstellen können,
dass das betreffende Kind dann jemals wieder den Anschluss an seine
Klasse finden kann. Aber das Gegenteil ist der Fall: Nur wenn auch die
schulischen Anforderungen dem jeweiligen aktuellen Lernstand des
Kindes entsprechen, unterstützt dies die Therapie. Die Kinder können
schnellere Fortschritte machen, wenn sie sich auf die Therapieinhalte
konzentrieren und an den Aufgaben arbeiten können, die sie verstehen.
(Lesen Sie dazu bitte auch: Erfahrungen von Eltern mit der Therapie.)

* kardinale Größe:  Unter kardinaler Größe versteht man die Größe
einer Zahl, eigentlich wie viele Mengen von 1 in ihr enthalten sind.

* Nachteilsausgleich: Rechenschwachen Kindern stehen bei diagnosti-
zierter Rechenschwäche ein Nachteilsausgleich zu. Möglich ist:

  • mehr Zeit bei Klassenarbeiten
  • übersichtlichere Darstellung der Aufgaben
  • weniger und leichtere Aufgaben (dem Leistungsstand angepasst)
  • Hilfsmaterialien zur Verfügung stellen wie Zahlenstrahl, Rechenklötze
  • differenzierte Hausaufgaben
  • stärkere Gewichtung der mündlichen oder praktischen Leistungen
  • das Kind vorn und allein sitzen lassen
  • einen ruhigen Raum für schriftliche Arbeiten zur Verfügung stellen

Die Schule muss für einen Ausgleich sorgen und die Eltern und Kinder dürfen
das einfordern. Es liegt jedoch im Ermessen des/der jeweiligen Schulleiters/rin,
in welcher Form der Nachteilsausgleich gewährt wird.

* Schulgesetz: Ab Klasse 5 sieht es das Schulgesetz vor, dass eine differen-
zierte Benotung nicht mehr möglich ist. Aus Erfahrung weiß ich aber, dass
es möglich ist, dass die Schulleitung (nach Abhalten einer Klassenkonferenz)
beschließen kann, dass das Kind aus pädagogischen und psychologischen
Gründen auch in der 5., 6. und 7. Klasse noch vom regulären Unterricht
befreit und differenziert benotet werden kann, wenn es eine Rechentherapie
macht und eine schriftliche Bescheinigung des Therapeuten vorliegt. Es
geht schließlich darum, dass eine seelische Gefährdung vermieden wird und
dem Kind/Jgdl. Zeit gegeben wird, seine Defizite in seinem Tempo nachzuholen.

Außerdem steht schon lange eine Gesetzesänderung an, wodurch die Dyskalkulie
der Legasthenie gleichstellt wird. Mir ist unklar, weshalb man rechenschwachen
nicht den gleichen Status wie lese/rechtschreibschwachen Kindern zugesteht.

* Teilleistungsschwäche: bezeichnen Leistungsdefizite in begrenzten
Teilbereichen wie Lesen, Rechnen, Rechtschreiben, Sprechen oder der
Motorik. Diese können auch mit Wahrnehmungsstörungen, Aufmerk-
samkeitsdefiziten, Kontaktschwierigkeiten und emotionalen Störungen
verbunden sein. Teilleistungsschwächen können die Schulleistungen
deutlich beeinträchtigen, sodass Betroffene u. U. ihr Potential nicht aus-
schöpfen können. Die Probleme können bis ins Erwachsenenalter anhalten.

* Stellenwertdifferenzierung: Unter Stellenwertdifferenzierung
versteht man das Verständnis, dass jede Ziffer in einer mehrstelligen
Zahl einen bestimmten Wert hat, je nachdem, an welcher Stelle sie
sie steht. Z. B.: 2539 = 2 Tausender, 5 Hunderter, 3 Zehner, 9 Einer.

* Dekadisches Zahlensystem: Auch Zehnersystem oder Dezimalsystem,
ist die Grundlage unserer Zahlen und bedingt den Wert der einzelnen
Ziffern innerhalb einer Zahl (s.o. Stellen
wertdifferenzierung).

* Quadriga:  „Qualitative Diagnostik bei Rechenschwierigkeiten im Grund-
lagenbereich Arithmetik“ ist ein 2002 an der Humboldt Universität zu Berlin
in Zusammenarbeit 
mit dem damaligen Leiter des ZTR Berlins (Rudolf Wieneke)
entwickeltes qualitatives Diagnostikverfahren zur Untersuchung der Entwicklung
des mathematischen Denkens bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

* Visualisierung:  unter Visualisierung versteht man eine gegenständliche
Darstellung einer 
abstrakten Vorstellung durch geeignetes Anschauungsmaterial,
z. B in der Rechentherapie die Zahl 23 mit 2 Zehnerstangen und 3 Einerwürfeln.

* Zahlbegriff: Unter Zahlbegriff versteht man die verschiedenen Aspekte,
die eine Zahl je nach Zusammenhang hat:

  • Kardinaler Aspekt:   s.o. Mächtigkeit der Zahl, wie groß ist sie ?
  • Ordnungszahl:          bezeichnet einen bestimmten Platz in einer Reihenfolge (3. Baum)
  • Zählzahl:                    (1, 2, 3, 4, 5 …) meist in Verbindung mit Gegenständen
  • Maßzahl:                    Zahl in Verbindung mit einer Maßeinheit, z. B. 3 kg, 4 Min.
  • Operatoraspekt:       z. B. 3 x 6, wie viel mal 6?
  • Rechenzahlaspekt:  (5 = 8 – 3) hier geht es um Zahlbeziehungen
  • Codierungsaspekt:   z. B. Postleitzahl, Haus- oder Telefonnummer

In der Rechentherapie ist der Begriff der Mächtigkeit einer Zahl am wichtigsten.
Erst wenn die Größe einer Zahl innerlich sicher vorstellbar und abrufbar ist,
können die Kinder anfangen zu rechnen. Hierzu zählt natürlich auch das
Verständnis der Stellenwerte (z. B. bei 27 = 2 Zehner + 7 Einer = 20 + 7).

 

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